Emma Bassner in Kleinkrantz und auf der Farm

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Kurz bevor ich im März nach Südafrika fliege, skype ich mit Watson, um ihm zu sagen, wann ich ankomme. Als er mich fragt wie lange ich bleibe und ich antworte „zwei Wochen“, ist er ganz entrüstet und meint: „Zwei Wochen, das ist viel zu kurz für Südafrika, girl. Aber gut, dann lass uns die zwei Wochen füllen, als ob sie zwei Jahre wären.“

Zuerst war ich etwas skeptisch, ob dieser „zwei Jahre“, aber dann sind die zwei Wochen auf der Farm doch so gefüllt und intensiv, dass sie sich, nicht ganz wie zwei Jahre J, aber doch wesentlich länger anfühlen als die zwei Wochen, die es tatsächlich sind.

 

Hauptsächlich bin ich während dieser Zeit mit Watson oben auf der Farm, während das Kinder-und Jugendzentrum in Kleinkrantz unten am Meer liegt. „Unten“ und „oben“, die Topographie der Gegend kann man schon vom Flugzeug aus betrachten: im Anflug auf George breitet sich ein grüner Küstenabschnitt zwischen Meer und Bergen unter mir aus – mit schäumenden Wellen an den langen Küstenstränden, steilen Hängen, die hinunter ans Meer führen und grünen Hügeln, die bis zu den ferneren Bergen ansteigen. Hinter den Bergen braune, trockene Weite. Angesichts dieser flachen, trockenen Ebenen über die wir seit Johannesburg geflogen sind, ist die Gegend um George also tatsächlich ein gesegnetes Stück „Garten“, wie die Bezeichnung „Gardenroute“ schon sagt.

Die Farm liegt auf einer Hochebene in den Hügeln, etwa eine halbe Stunde Fahrt vom am Meer gelegenen Kinder- und Jugendzentrum. Die Straße hinauf schlängelt sich durch fruchtbares, grünes Land, zumeist als Weideland für riesige Kuhherden genutzt. Kurz nachdem die Teerstraße in eine Schotterstraße übergeht, führt rechts ein kleines Holzgatter auf die Farm. Zwei Hunde begrüßen das Auto bellend. Rechterhand steht das weiße „Haupthaus“, indem Monika und Watson mit den Kindern wohnen. Eine sehr bruchfällige Werkstatt/Garage steht am Ende des Auffahrtweges aus Gras, daneben ein kleines, weißgetünchtes Häuschen. Links ein großes Cottage. Um diese Häuser breiten sich Bäume und Gewächs aus.

Es ist ganz still hier oben als ich am ersten Abend ankomme. Geräusche einer Sommernacht, ab und zu ein Hundebellen, Lachen und Schritte von auf der Straße vorbeilaufenden Menschen, ein voller Sternenhimmel von den Bergen abgegrenzt.

 

In den nächsten Tagen arbeite ich hier mit Watson und Wooda, einem jungen Mann, der aus der gegenüber liegenden kleinen Siedlung kommt. Wir bauen einen Zaun um das Haupthaus, räumen das Gelände für den Garten frei, schlagen Holz für neue Zäune, streichen Pfähle. Bei diesen Arbeiten lerne ich das weitere Gelände des Hofes kennen. Es sind gut fünf Hektar, die sich an der Straße entlang ziehen. In all den, als Monokultur benutzten Weiden rundherum tut es gut, ein vielseitig bewachsenes Grundstück zu sehen. Trotzdem ist gerade dadurch viel zu tun. Das „alien wood“, die meist aus Australien eingebürgerten fremden Pflanzen und Bäume, müssen entfernt, der Garten angelegt, Wasserversorgung aufgebaut werden. Das Gelände für die Unterkünfte der Jugendlichen muss freigelegt und die Werkstätten aufgebaut werden.

 

Durch Watsons Erzählungen bekomme ich einen Einblick in seine Vorstellung des Projektes. Er möchte das Land vor allem nach dem Permakultur-Konzept bewirtschaften. Dieses besagt, dass der Ertrag nicht primär auf eine singuläre Kultur fokussiert wird, sondern dass vielmehr ein ganzheitlicher Hof aufgebaut wird, indem die verschiedenen Kulturen in ihrem jeweils besten Reziprozitätsverhältniss neben- und untereinander angebaut werden. Das bedeutet auch, dass Bäume stehen bleiben, um das Gelände zu beschatten und so das Wasser im Boden zu behalten.

Das Land wurde schon seit mehreren Jahren nicht mehr bewirtschaftet, das heißt zwar mehr Arbeit in der Anlegung der Beete etc., gleichzeitig ist der Boden dadurch nicht ausgelaugt und besitzt eine gesunde Humusschicht.

Da ich selber von einem Hof komme, der einen ähnlich ganzheitlichen Ansatz verfolgt, setzen wir uns gemeinsam an die Planung, messen Gelände ab und überlegen, wie die Gehege für die Tiere am Besten gebaut werden könnten. Ein paar Hühner gibt es schon, dazu möchte Watson noch Schweine und Schafe halten.

Das Herzstück der Farm wird jedoch das Jugendprojekt sein. Jungen Menschen wie Wooda soll dadurch eine solide Grundausbildung in den verschiedenen Werkstätten (-Holzwerkstatt, Handarbeit etc.) und der Landwirtschaft vermittelt werden, die sie dazu befähigt ein selbstständiges Leben außerhalb des lähmenden, in Südafrika einen großen Teil der Bevölkerung betreffenden Zirkels aus Arbeitslosigkeit, Alkohol und Perspektivlosigkeit zu führen.

 

Die Notwendigkeit für solch ein Projekt wird mir während meines Aufenthaltes immer wieder vor Augen geführt. An einem Abend gehen Watson und ich in das gegenüberliegende Tip „Tanzen“. Ein Tip ist eine Siedlung aus zusammengezimmerten Bretter- und Blechhütten. Oft leben ganze Familien in einem Raum, der für deutsche Familien ein einzelnes Zimmer wäre. Viele der Mütter sind alleinerziehend, die Kinder kommen von verschiedenen Vätern und erhalten oft nicht einmal eine warme Mahlzeit am Tag. Alkoholkonsum gehört zum Alltag.

Diese Realität kann ich auch an diesem Abend beobachten. In einem dunklen Bretterverschlag ist eine Anlage aufgebaut, in einem Verschlag daneben wird Bier ausgeschenkt, ein Feuer in einer Blechtonne wirft flackerndes Licht auf die drumherum sitzenden Menschen. Vor der Anlage wird getanzt. Die Erwachsenen haben fast durchweg glasige Augen und unsichere Bewegungen. Die Kinder tanzen mit, an den Bewegungen sieht man, dass Tanzen zu ihrem Leben dazugehört. Die „Disko“ geht bis zum Morgen. Die Kinder werden nicht ins Bett gebracht. Auch die anderen Nächte des Wochenendes verlaufen wie diese.

Als die erste „Weiße“, die jemals diese „Disko“ betreten hat, wird mir eine fast ehrfürchtige Distanz entgegengebracht, die durch die Aussage „Der Boss kommt, um mit uns zu tanzen“ artikuliert wird. Das macht mich lange nachdenklich. Die Frage nach der Würde, die einem Menschen gegeben werden muss, damit er sie sich selber geben kann, begleitet mich die nächsten Tage.

Diese Würde zu geben ist eines der Ziele der Kula Malaika Foundation. Im Kinder- und Jugendzentrum werden die Kinder als eigenständige Individuen wahrgenommen, sie bekommen warme, gesunde Mahlzeiten und dürfen in einer sicheren Umgebung spielen und sich ausprobieren. Zwei Erlebnisse während meiner Zeit dort sind besonders schön:

Am Samstag ist ein „Elterntag“ auf der Farm, an dem die Eltern der Kinder kommen und sich über Kindererziehung, Essen und ihre eigene Situation austauschen. Währenddessen passe ich mit einem anderen Mädchen auf die Kinder auf. Irgendwann wird eine alte Badewanne mit Wasser gefüllt und alle springen nacheinander ins kühle Nass. Erschöpft liegt ein Junge für ein paar Minuten auf meinem Schoß, aber nur kurz, solche vertrauten Momente scheinen die Kinder dort oft kaum aushalten zu können.

Ein weiteres solches Erlebnis ist der Human Rights Day, Tag der Menschenrechte, an dem wir mit den größeren Kindern an eine Lagune fahren. Es ist ein warmer Vormittag und als wir endlich da sind, platzt der Bus nur so aus allen Nähten, so schnell hüpfen die Kinder aus den Türen. Aufgeregtes Gewühle. Aus den Kleidern heraus und in die Badesachen hinein, Schwimmflügel aufblasen und schnell, schnell ins kühle Wasser. Keines der Kinder kann wirklich schwimmen, obwohl sie direkt am Meer wohnen. Trotzdem haben sie einen Heidenspaß. Nach einer Weile entdecken sie eine schlammige Ecke, in der es sich wunderbar rutschen lässt. Und natürlich muss das „weiße Mädchen“ mitkommen, um sich mit Schlamm schwarz anmalen zu lassen.

 

Bis jetzt haben diese Kinder der Kula Malaika Foundation keine weitere Anlaufstelle, wenn sie dem „aftercare“ Alter entwachsen sind und langsam in ihr eigenes Leben gehen. Doch in Zukunft soll die Farm ihnen eine Möglichkeit geben, Fähigkeiten für die Selbstgestaltung ihres Lebens zu erlernen.

Durch meine Zeit dort und meine Erlebnisse mit Watson und Monika bin ich sicher, dass diese zwei Menschen auch eine weitere Initiative erfolgreich aufbauen werden. Vor allem die Mischung aus Monika und Watson scheint mir perfekt für die Arbeit dort zu sein. Dadurch, dass Watson „schwarzer“ Südafrikaner ist,  kommt er in Kontakt mit den Menschen und gewinnt ihr Vertrauen. Auch im Aufbau des Hofes benutzt er die „afrikanische Methode“, – er nimmt vor allem vorhandene Ressourcen – manchmal für unsere Augen eher provisorisch aussehend, doch tatsächlich besser an die südafrikanischen Gegebenheiten angepasst.

Monika hingegen bringt Struktur und Klarheit, sowie pädagogisches Wissen in die Arbeit hinein. Im Moment ist sie noch hauptsächlich unten im Kinder- und Jugendzentrum beschäftigt. Doch das wird mehr und mehr der Elterngemeinschaft übergeben werden und dadurch wird auch sie in Zukunft auf der Farm sein.

 

Ich bin schon sehr gespannt auf die weitere Entwicklung des Projektes und bin durch die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, noch mehr als zuvor von der Notwendigkeit und der Schönheit der „Jugendfarm“ überzeugt. Dies liegt vor allem an der Nachhaltigkeit des Projektes: es sind Menschen von dort, die die Initiative ergreifen, etwas zu verändern. So kommt es wirklich aus den Bedürfnissen der Menschen aus der „Wilderness Gegend“ und kann langfristig Veränderungen für die Lebensumstände bewirken.

 

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